30.05.2017

Stadt, Land, Wohnen – ein Blick in die Region

Journal-Interview

Nordrhein-Westfalen wächst. Aktuell leben laut Statistischem Landesamt rund 17,7 Millionen Menschen im bevölkerungsstärksten Bundesland. Bis 2020 sollen es rund 18 Millionen werden. Das Land NRW verfolgt deshalb verschiedene Strategien, um einerseits den Neubau von Wohnungen zu forcieren, andererseits aber auch leere Gebäude sowie brachliegende Flächen zu mobilisieren und Bestände aufzuwerten. Die NRW.URBAN-Redaktion traf sich in Krefeld mit Planungsdezernent Martin Linne und NRW.URBAN-Geschäftsführer Ludger Kloidt, um beide Aspekte zu diskutieren.

Wir befinden uns hier vor der „Alten Samtweberei“ im Samtweberviertel in Krefeld. Umbau und Sanierung sind schon weit vorangeschritten. Die Samtweberei wird in Zukunft Raum für Wohnen und Arbeiten in direkter Nachbarschaft bieten. Was macht das Quartier hier aus?

Martin Linne: Die frühere Südwest-Stadt – also das heutige Samtweberviertel – war ein Stadtumbau-West-Gebiet. Es handelt sich um ein sehr heterogenes Viertel: Wunderbare Gründerzeitbauten stehen neben völlig gesichtslosen Nachkriegsbauten. Es gibt extrem kleinräumige, enge Bebauung, aber auch sehr schöne Plätze wie den Alexander- oder den Corneliusplatz. Neben liebevoll sanierten Häusern stehen Immobilien leer oder werden fehl- oder untergenutzt. Das waren und sind teilweise noch Zustände, die es vergleichbar in vielen anderen Städten auch gibt, die wir als Stadt auf Dauer aber nicht so belassen wollten. Gemeinsam mit der Montag Stiftung haben wir ein außergewöhnliches Nutzungskonzept entwickelt.

Wie wichtig ist ein Projekt wie hier im Samtweberviertel, wenn es um die strategische Ausrichtung der ganzen Region geht?

Ludger Kloidt: Der Umbau der Samtweberei ist ein Projekt, das seinesgleichen in der Region sucht: topsanierte Wohnungen im historischen Ambiente zu moderaten Preisen, innenstadtnah gelegen, und auch nur eine halbe Stunde mit dem ÖPNV von der Düsseldorfer City entfernt. NRW.URBAN arbeitet aktuell verstärkt daran, interkommunale Kooperationen zu stärken. Krefeld kann in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um die stark wachsende Region Düsseldorf zu entlasten. Ob Infrastruktur, Verkehrsmittel oder die Verknüpfung über Stadtgrenzen hinaus – NRW.URBAN hat immer auch Umfeld und regionale Bezüge im Blick.

Martin Linne: Der Zuzug in Metropolen wie Düsseldorf oder auch Köln, der schon vor der Flüchtlingskrise begann, hat dazu geführt, dass Städte wie Düsseldorf der Wohnraumsituation nicht mehr Herr werden. Es fehlen rund 30.000 Wohnungen in Düsseldorf. Das wird die Stadt alleine nicht stemmen können. Wenn wir den Blick in die Regionen lenken, nach Krefeld oder auch in den Kreis Mettmann zum Beispiel, und eine gute interkommunale Infrastruktur schaffen, dann profitieren alle Seiten von dem Boom. Wir in Krefeld haben zum Beispiel 24 Standorte für eine Innenentwicklung ausgewiesen. Da können wir bis zu 2.000 Wohneinheiten realisieren.

Herr Kloidt, wie groß ist denn die Bereitschaft der Kommunen, sich über Stadtgrenzen hinaus zu vernetzen? Das Land NRW hat ja im vergangenen Jahr eine Reihe von Regionalkonferenzen durchgeführt …

Ludger Kloidt: Wir merken, dass sich regionale Identitäten bilden und sich immer mehr politische Entscheider von ihrem „Kirchturmdenken“ verabschieden. Sie erkennen, dass gerade die Betrachtung einer ganzen Region Chancen und Perspektiven eröffnet, von denen dann wiederum die eigene Kommune profitiert. Gemeinsam mit dem Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen leisten wir aktuell viel Überzeugungsarbeit.

Herr Linne, das Samtweberviertel ist ein Modellprojekt zur Innenentwicklung, aber um den Bedarf an Wohnraum in Krefeld und eventuell auch noch den der Region zu decken, muss noch mehr geschehen. Was sind die Planungen?

Martin Linne: Das stimmt. Der Wohnraumbedarf in Krefeld beläuft sich auf rund 6.000 Wohnungen. Deshalb müssen wir auch Siedlungserweiterungen vorantreiben. Der aktuelle Flächennutzungsplan weist fünf Flächen aus, auf denen bis zu 2.000 weitere Wohneinheiten entstehen können. Beispielhaft möchte ich Ihnen eine der Flächen vorstellen.

Wo geht’s hin?

Martin Linne: Nach Krefeld-Fischeln. Wo jetzt noch Gemüse wächst, weist der Flächennutzungsplan 23 Hektar als Wohnbaufläche aus. Ein Drittel der Fläche ist bereits in städtischer Hand, zwei Drittel sind noch in Privatbesitz. Die Straßenbahn hält nur wenige 100 Meter entfernt. Mit dieser Fläche wollen wir am Programm „Soziale Baulandentwicklung“ von NRW.URBAN und vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen teilnehmen. Wir möchten NRW.URBAN als Kooperationspartner, der uns alle Schritte der weiteren Entwicklung abnimmt, gewinnen. Denn hierbei handelt es sich um Aufgaben, die heute nicht mehr zum gängigen Repertoire einer städtischen Verwaltung gehören.

Herr Kloidt, wie wird sich der Ablauf des Projekts gestalten?

Ludger Kloidt: Wir bieten der Stadt Krefeld eine Entwicklungsgesellschaft auf Zeit an und stellen ihr Ressourcen in finanzieller und personeller Hinsicht zur Verfügung. Die gesamte Baulandentwicklung, die normalerweise den Vermögenskreislauf und Personaleinsatz einer Verwaltung belasten würde, werden wir mit unserem Personal und unserem Geld umsetzen. Dafür hat uns die NRW.Bank 20 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die das Bauministerium mit einer Bürgschaft absichert. Das versetzt uns in die Lage, die noch fehlenden Flächen aus Privatbesitz anzukaufen, und die gesamte Finanzierung und das Bauleitplanverfahren mit unserem Personal treuhänderisch für die Kommune zu stemmen. Anschließend gehen wir in enger Kooperation mit der Stadt in die Vermarktung.

Welche Voraussetzung muss eine Kommune erfüllen, um in das Programm aufgenommen zu werden?

Ludger Kloidt: Die Stadt muss Gesellschafter bei der NRW.URBAN Kommunale Entwicklung GmbH werden. Sie verpflichtet sich zudem, in der Regel 30 Prozent der Fläche für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen. Außerdem muss auf jeden Fall eine gute ÖPNV-Anbindung gegeben sein. Ein wichtiger Aspekt bei diesem Programm ist übrigens auch, dass es die Städte schnell handlungsfähig macht. Schaut man sich die Zeitläufe der kommunalen Haushaltsführung an, dann könnte Krefeld dieses Projekt nicht bereits im Frühjahr 2018 beginnen. Über die Auslagerung der Finanzierung ist die Stadt zeitlich viel flexibler.

Sehen Sie noch weitere Vorteile, Herr Linne?

Martin Linne: Wir diskutieren aktuell, dass viele Kommunen viel zu wenig in die Bodenvorratspolitik investiert haben, weil viele sich in der Vergangenheit von Flächen getrennt haben, um ihren Haushalt zu stützen. Mit den Flächen haben sich die Städte aber auch von Einflussmöglichkeiten auf die Stadtentwicklung getrennt. Durch die soziale Baulandentwicklung können wir wieder Qualitäten schaffen, die auch in 20 oder 30 Jahren noch Bestand haben.

Wie sieht denn diese Siedlung hier in circa 20 Jahren aus?

Martin Linne: Geförderter Mietwohnungsbau und frei finanzierte Mehrfamilienhäuser stehen neben freistehenden Eigenheime, Reihenhäusern und barrierefreien Geschosswohnungen. Große Grün- und Freiflächen durchbrechen die Siedlung, Nachbarn treffen sich auf kleineren Quartiersplätzen. Wir planen übrigens einen Wettbewerb aus Anlass des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums in 2019. Damit wollen wir eine moderne Auseinandersetzung mit dem Bauhausgedanken anstoßen. Schließlich möchten wir, dass Besucher dieser Siedlung in 50 Jahren sagen: ‚Die haben da nicht irgendetwas gebaut. Die haben sich intensiv mit Form, Funktion, Ökonomie und Ökologie auseinandergesetzt.’

Herr Linne, Herr Kloidt – vielen Dank für das Gespräch!


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